Sirenen

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Sirenen

Ptys

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Im ewigen Zwielicht der Meere, dort, wo das Licht kaum den Grund erreicht und die Strömungen leise singen, lauert ein uraltes, verfluchtes Volk: Die Sirenen, die sich selbst Ptys (ein Ptys, eine Pte, ptyisch) nennen. Sie sind die Schwestern der Meerjungfrauen – doch was einst durch Schönheit, Stimme und Anmut geeint war, ist nun durch Fluch, Hunger und Wahnsinn zerrissen. Einst waren sie die Sängerinnen des Himmels und des Wassers, Begleiterinnen der Gezeiten, geliebt von den Göttern. Heute aber sind sie Dämoninnen des Ozeans, Kinder der Nacht, deren Gesänge ganze Schiffe ins Verderben reißen. Die alten Legenden der Meerjungfrauen berichten, dass die Vorfahren der Ptys einst die stolzesten unter ihnen waren – Priesterinnen, deren Stimmen selbst den Göttern des Meeres große Freude bereiteten. Doch ihr Stolz wurde ihr Verderben. Sie wandten sich von den sanften Göttern des Meeres ab und suchten Macht in der Tiefe, bei jenen vergessenen, namenlosen Wesen, die unter dem Meeresschlamm schlafen. So verehrten sie die Tiefengötter, deren Symbole in Flossen aus Knochen und Augen aus Dunkelheit bestanden, und sie sangen für sie Lieder, die kein Sterblicher hören sollte. Als Strafe entrissen die Meeresgötter ihnen ihre Schönheit. Ihre Lippen vertrockneten zu bleichen Kieferplatten, die Haut verlor ihren Schimmer und ihre Seelen wurden mit ewigem Hunger verflucht. Von da an sollten sie den Gesang, der einst Leben schenkte, nur noch zum Töten gebrauchen.

Die Sirenen ähneln auf den ersten Blick ihren Schwestern, den Meerjungfrauen: Ein schlanker, humanoider Oberkörper, geschmeidig übergehend in eine mächtige Schwanzflosse, deren Schuppen in tiefem Schwarz, dunklem Blau oder fahlen Grün schimmern. Doch jede Ähnlichkeit endet, sobald man ihre Gesichter sieht. Ihre Haut ist bleich oder bläulich grau, von sichtbaren Adern durchzogen, als schimmere das kalte Blau eisigen Wassers darunter. Die Augen sind groß, schwarz und glanzlos, ohne Pupillen, wie zwei Perlen aus Obsidian. Der Mund, Fluch und Werkzeug, besteht aus knöchernen Platten, gesäumt von Reihen nadelspitzer Zähne, geschaffen zum Reißen und Zermalmen. Wenn sie lächeln, und das tun sie oft, wirkt es eher wie eine gespannte Falle als eine einladende Geste. Ihr Haar ist lang und fließend, meist von silbriger oder tiefblauer Farbe, und es bewegt sich unter Wasser, als führe es ein Eigenleben. Manche Sirenen tragen noch Reste ihrer einstigen Schönheit: Eine symmetrische Form, zarte Stimmen oder leuchtende Augen. Diese Relikte dessen, was sie verloren haben, machen sie unter Ausgestoßenen unter ihresgleichen. Die Königinnen der Sirenen, mächtigere und ältere Wesen, tragen darüber hinaus ein Paar verkümmerter, schimmernder Rücken an ihren Rücken – ein groteskes Relikt einer Zeit, als sie noch den Himmel besangen. Diese Flügel sind nutzlos, doch in den Augen der Sirenen gelten sie als Symbol ihrer verfluchten Majestät.

Die Sirenen leben in kleinen, hierarchisch organisierten Clans, die sich in den Trümmern versunkener Städte, in Felshöhlen oder zwischen Korallenriffen angesiedelt haben. Diese Reiche liegen oft tief unter der Oberfläche in Regionen, die kein Sonnenlicht mehr erreicht. Ihre Höfe sind groteske Spiegelbilder einstigen Pracht der Meerjungfrauen: Kronen aus Fischknochen, Throne aus gestrandeten Schiffen, Hallen aus versteinerten Muscheln. Eine Königin herrscht über jeden Schwarm. Ihre Macht gründet nicht auf Stärke, sondern auf Stimme und Willen – sie kann mit einem Lied die Gedanken der Schwächeren brechen oder ganze Schwärme in Raserei versetzen. Unter ihnen dienen Chorsängerinnen, deren Aufgabe es ist, den Gesang zu führen, der Beute anlockt oder Gegner verwirrt. Sie ernähren sich von Fleisch, vor allem von Menschen, Elfen oder Angehörigen anderer maritimer Kulturschaffender. Ihr Hunger ist unstillbar, doch nicht rein körperlich: Sie sehnen sich nach der Lebenskraft, die in warmem Blut pulsiert. Sie glauben, dass jeder Bissen ihnen ein Stück der Schönheit zurückgibt, die ihnen genommen wird. Die Gesänge der Sirenen sind das Herz ihrer Existenz – und zugleich ihr Fluch. Sie erklingen meist bei Dämmerlicht, bei Nebel oder inmitten tobender Stürme, wenn Sicht und Orientierung verloren gehen. Kein Sterblicher kann sich dem Klang entziehen, wenn er ihn hört. Die Stimmen der Sirenen sind unirdisch schön, fremd und verheißungsvoll, wie das ferne Rufen einer verlorenen Liebe. Doch hinter der Schönheit verbirgt sich Verderben. Ihre Melodien sind durchsetzt von uralten Anrufungen der Tiefengötter, die direkt in das Bewusstsein der Hörenden dringen. Die Opfer folgen dem Klang willenlos: Sie springen von Bord, schwimmen in die Tiefe oder steuern ihr Schiff auf Klippen. Nur wenige überleben, um davon zu berichten, und jene, die es tun, sprechen von einem Klang wie der Gesang einer Welt, die nie hätte sein dürfen. Die Sprache, in der sie singen, ist die uralte Zunge der Tiefe, die von Magiern und Kultisten Thal’narûm genannt wird. Doch die Sirenen verstehen und sprechen mühelos jede Sprache, selbst die des Festlands. Manche Kapitäne schwören, sie hätten eine Sirene in ihrem eigenen Dialekt um Hilfe singen hören, kurz bevor sie von ihr verschlungen wurden.

Die Sirenen sind geächtet, zumindest von den meisten Kulturschaffenden des Meeres. Insbesondere Meerjungfrauen, die sie als Blasphemie ihrer eigenen Existenz betrachten, und im Reich unter den Wogen, wo sie als Monstren gefürchtet werden. Zwischen ihnen tobt ein endloser Krieg. Die Sirenen betrachten die meisten anderen maritimen Völker nicht als Rivalen, sondern als Nahrung - sie glauben, dass in deren Fleisch die Essenz der Schönheit liegt, die sie einst verloren haben. Gelegentlich verbünden sich die Sirenen mit anderen finsteren Meeresbewohnern, vor allem mit den Klabautern, oder aber mit den Dunkelelfen im Hohen Norden.

Die Sirenen sind mehr als bloße Monster. In ihnen lebt eine uralte Trauer, eine Sehnsucht nach Licht, nach Schönheit, nach Vergebung. Ihre grausamen Taten sind nicht nur Hunger, sondern auch Verzweiflung: Jeder Schrei, jedes Lied ist ein Ruf an die Götter, die sie einst liebten. Manche Mythen erzählen, dass eine Sirene, die sich wahrhaft verliebt und bereit ist, ihr eigenes Lied zu opfern, ihre alte Gestalt wiedererlangen könne. Doch das bedeutet zugleich den Tod, denn ohne Gesang vergehen sie in Stille und Schaum. So bleiben sie, was sie sind: Ewige Sängerinnen eines verlorenen Paradieses – schön in ihrer Hässlichkeit, tragisch in ihrem Hunger, unsterblich in ihrem Leid.